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Sonntag, 3. Juni 2012

Was gesagt werden muss - Günter Grass



Mein heutigstes Lieblingsgedicht...

Was gesagt werden muss
Günter Grass

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er missachtet wird;
das Verdikt 'Antisemitismus' ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muss.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muss,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
dass eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.


 Quelle: <http://www.tagesschau.de/inland/grassgedicht102.html>.
 Online. 04.04.2012 12:52 Uhr.



Cecilia Meireles


 Zwölf Nocturnes aus der Niederlande - Neun

                                         Cecilia Meireles 


Ich sah deine Kleider leuchten
ohne irgendeinen Schein des Tages.
Sie sagten Licht von Blumen zu sein,
Blumen aus weiten Auen,
deren Namen sie nicht wussten...

Ich sah dein leuchtendes Gesicht
auf meinem Schweigen sich beugen.
Doch sagten sie der Mond zu sein,
Prismen von Sternen, Sande,
Meeresleuchtkraft...

Und deine Stimme sprach mich
in großen üppigen Strahlen.
Doch sagten sie der Wind zu sein,
der Herbst durch die Gezweige,
die blinde Sprache der Muscheln...

Und ging ich mit dir in meiner Seele
wie die Könige ihre Kronen tragen
und die Mütter bringen ihre Kinder
und das Meer seine Bewegung
und der Urwald seine Düfte.
Sie sagten, dass es aus Nacht war,
der Luftspiegelung der Wünsche...

Ich muss meine Augen in die tausend
Flüsschen der Morgenröte tauchen,
um zu sehen, ob ich dich noch sehe.




Aus dem portugiesischen Original: Doze Noturnos da Holanda (Nove).
In deutscher Übersetzung von  Sergio dx, am 30.06.2011.